Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
schon seit einiger Zeit verspüre ich das dringende Verlangen, Ihnen auf Grund der vielen streitbaren Aussagen, die Sie bei öffentlichen Auftritten und medialen Gelegenheiten geäußert haben, persönlich zu schreiben.
Ihr jüngster Auftritt, bei dem Sie eine Ärztin als „Nutznießerin“ defamierten, die Sie sachlich mit fachlichen Problemen und Mängeln Ihrer Regierungsentscheidungen konfrontierte, hat mich jedoch umgestimmt.
Ich bin seitdem der Überzeugung, dass der professionelle Streit über die Sache nicht das richtige Mittel ist, um gute Politik für die Gesellschaft zu machen, solange ein gewisses Grundverständnis für die Lebensrealtität des Großteils der Bevölkerung völlig fehlt.
Um in Zukunft mit weniger Kritik und Ablehnung konfrontiert zu werden, möchte ich Ihnen daher vorschlagen, ein Praktikum zu machen. Führen Sie ein Jahr lang das Leben, das der überwiegende Großteil der Menschen, die Sie in diesem Moment regieren, ihr ganzes Leben lang führt.
Treten Sie dazu sinnvollerweise in den Handwerks- oder Pflegebetrieb ein. Verzichten Sie für die Dauer des Praktikums auf alles, was Sie aus Ihrem Leben kennen und beziehen könnten. Vermögen, Beziehungen, Name, alle materiellen Güter, alle sozialen Kontakte.
- Sie sind nun Steffen Wendel, haben eine Berufsausbildung absolviert und sind seit 3 Jahren in ihrem gelernten Beruf ohne Führungs- und Entscheidungsverantwortung tätig.
- Es gibt keine einflussreichen, familiären Kontakte.
- Sie haben eine 3-Zimmer-Mietwohnung in Würzburg.
- Die Miete richtet sich nach dem Index.
- Sie haben seit Abschluss der Ausbildung eine Rücklage von 1800€ aufgebaut.
- Für Ihren 15 Jahre alten Kleinwagen haben Sie monatlich eine Finanzierungsrate von 75€ zu tilgen.
- Der Stellplatz kostet 80€.
- Sie sind Alleinerziehender eines dreijährigen Kindes ohne finanzielle Unterstützung der Kindsmutter, ziehen Sie deshalb monatlich pauschal 500€ von Ihrem Lohn ab.
- Finanzieren Sie ihren Lebensunterhalt mit den oben genannten und sämtlichen weiteren Kosten ausschließlich von dem, was Ihnen für die Arbeit in der Tätigkeit gezahlt wird (im Handwerk ca 3000-3700€ brutto mtl., Pflege 3800-4300€ brutto mtl.).
- Falls berechtigt, erhalten Sie selbstverständlich die entsprechenden staatlichen oder kommunalen Unterstützungsgelder.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und tolle Einblicke in das Leben der Bevölkerung und bin sehr gespannt auf Ihren Bericht.
Mit freundlichen Grüßen
Marcus C. J. Hartmann